Bundesvereinskonferenz

Berlin

"Berlin, Berlin - Wir fahren nach Berlin". So tönt es laut in den Fußballstadien bei Pokalspielen des Deutschen Fußballbundes. Doch auch für Schachspielerinnen und -spieler gibt es richtig viele Gründe, am Wochenende vom 1. bis 3. März nach Berlin zu fahren: Die Bundesvereinskonferenz 2019. Sie geht im Maritim-Hotel Berlin über die Bühne. Eine solche Konferenz findet erst zum dritten Mal statt. Von ihr profitiert man in vielerlei Hinsicht. Sie bringt alles zusammen, was unseren Schachsport ausmacht.

So trifft das absolute Leistungsschach mit der zentralen Schlussrunde der Bundesliga, der Frauenbundesliga und der Jugendbundesliga Nord-Ost mit Live-Kommentierung der Partien auf den Amateurbereich, für den Diskussionsrunden und Workshops, regelmäßige ChessBase-Blitzturniere, das Kinder und Jugendschach mit dem Jugendschnellschachturnier U25 und das Amateurschach mit den Finals der Feierabendligen des Berliner Schachverbandes stehen. Daneben gibt es Verkaufsstände und die Gelegenheit zu freien Partien. In diese Veranstaltung ist auch ein Internationales Emanuel Lasker-Blitzturnier und eine Simultanveranstaltung von GM Dr. Robert Hübner eingebunden. Also: Auch für Schachfreunde ist Berlin eine Reise wert.

Zur Partie:Sie wurde in Runde 12 des Superturniers Tata Steel in Wijk aan Zee zwischen Weltmeister Magnus Carlsen und dem jungen polnischen Weltklassespieler Jan-Krzysztof Duda gespielt. Bei diesem Turnier, das am 27. Januar zu Ende ging, wurde Weltmeister Magnus Carlsen seiner Favoritenrolle gerecht und gewann es mit 9 aus 13 vor dem Niederländer Anish Giri, der auf 8,5 Punkte kam.

Auf den Plätzen drei bis fünf folgten Ian Nepomnachtchi (Russland), Liren Ding (China), der ebenso wie Carlsen ungeschlagen blieb, und Viswanathan Anand (Indien) mit je 7,5 Punkten. Äußerst enttäuschend verlief das Turnier für Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik, der mit 4,5 Punkten nicht über den 14. und letzten Platz hinauskam. Das macht seine überraschende Ankündigung verständlich, sich mit sofortiger Wirkung vom Profischachsport zurückzuziehen.

In der Partie zeigte Magnus Carlsen einmal mehr seine hervorragende Endspielkunst und rang den polnischen Spitzenspieler sehenswert nieder.

Weiß: Magnus Carlsen

Schwarz: Jan-Krzysztof Duda

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Sc3 dxc4 5.e4 Lb4 6.Lxc4 Sxe4 7.0-0 Sf6 8.Da4+ Sc6 9.Se5 Tb8 10.Td1 0-0 11.Sxc6 bxc6 12.Dxa7 Ld7 13.Da4 c5 14.Dc2 cxd4 15.Txd4 Lc5 16.Th4 h6 17.Lxh6 gxh6 18.Dd2 Sh7 19.Dxh6 Lxf2+ 20.Kxf2 Df6+ 21.Dxf6 Txb2+ 22.Kg1 Sxf6 23.Tf1 Kg7 24.Tf3 Tg8 25.Thf4 Lc6 26.Txf6 Lxf3 27.Txf3 Td8 28.Tf2 Tb4 29.Lb5 Ta8 30.a4 c6 31.Le2 Ta5 32.Tf3 f5 33.Kf2 Tc5 34.Ld1 e5 35.Se2 Kf6 36.Ta3 Tb1 37.Ke1 e4 38.g3 Ke5 39.h4 Ta5 40.h5 c5 41.Kd2 c4 42.Kc2 Tb8 43.Kc3 Tb1 44.Kc2 Tb8 45.Kc1 Tb6 46.Lc2 Td6 47.Sf4 Tc5 48.Te3 Kd4 49.Te1 Th6 50.Kd2 Te5 51.Se2+ Kc5 52.Th1 Te8 53.Kc3 Tg8 54.Tb1 Txh5 55.Lxe4 Te8 56.Sf4 Tg5 57.Tb5+ Kd6 58.Lxf5 Txg3+ 59.Kd4 Tg1 60.Tb6+ Ke7 61.Sg6+ Kf7 62.Se5+ Kg8 63.Sxc4 Ta8 64.a5 Ta1 65.Tb5 Ta7 66.Le4 Tc7 67.Tf5 Kg7 68.Lc2 Tc1 69.Kc3 Tf7 70.Txf7+ Kxf7 71.Sa3 1-0

Tagesnotizen: Den Geburtstag des ältesten noch lebenden Großmeisters der Welt, Juri Awerbach, nehmen wir zum Anlass, ihn mit einer Taktikaufgabe und einem Problem zu ehren. Awerbach, der deutsche Vorfahren hat und als Sohn eines deutschen Vaters und einer russischen Mutter am 9. Februar 1922 in Russland geboren wurde, war ein herausragender Schachspieler. Die russische Landesmeisterschaft gewann er 1954 vor Taimanov, Kortschnoi, Petrosjan und Geller und 1956 gemeinsam mit Spassky. Awerbach gilt als ausgewiesener Endspielexperte, der rund 100 Endspielstudien komponierte. Seine vier Endspielbücher sind auch heute noch topp-aktuell und dem Studium empfohlen.

Taktikaufgabe Nr. 191 a zeigt eine seiner Studien, bei denen Weiß am Zug gewinnt. Es gibt tatsächlich einen schmalen Pfad zum Gewinn.

In Aufgabe Nr. 191 b von Awerbach ist ein Hilfsmatt in drei Zügen zum Lösen angeboten. Beim Hilfsmatt hat ja Schwarz den ersten Zug. Beide Parteien stehen im Rochademodus. Doch dürfen Weiß und/oder Schwarz nach den Schachregeln überhaupt rochieren? Jedenfalls helfen beide zusammen, den schwarzen König in drei Zügen matt zu setzen.

Lösungen: Die Partie zu Taktikaufgabe Nr. 190 a (W: Kb1, Dc2, Tf6, Tg2, Lc3, Le2, Ba2, b2, h2 [9], S: Kg8, De3, Ta8, Tf8, Lc8, Sh3, Ba7, b5, c6, f7, g6, h7 [12]) kam beim Karpov-Turnier 2005 im sibirischen Piokorsky im Kampf zwischen den beiden Super-GM Alexej Drejew (Russland) und Lenier Dominguez (Kuba) auf das Brett.

Die Stellungsanalyse zeigt, dass die schwarze Königsstellung durch das Fehlen des schwarzfeldrigen Schutzläufers geschwächt ist. Dies lädt gerade dazu ein, den schwarzen König aus seiner Festung herauszuholen. So liegt das Turmopfer 1.Tgxg6+! auf der Hand. Schwarz muss das Opfer annehmen, da nach 1...Kh8 2.Txf7+ Dxc3 3.Dxc3# folgen würde: 1...fxg6 (auf 1...hxg6 wird Schwarz schneller matt gesetzt: 2.Txg6+ Kh7 [2...fxg6 3.Dxg6#] 3.Tg7+ Kh6/Kh8 4.Dh7#).

Das zweite Turmopfer 2.Txg6+!darf Schwarz nicht mehr annehmen, will er nicht sofort matt gesetzt werden (2...hxg6? 3.Dxg6#). Der schwarze König muss nun eine Reise ins offene Feld antreten,2...Kf7 3.Tg7+ Ke6, da 3...Ke8 wegen 4.Lh5+ Kd8 5.Dd1+ verlieren würde. Weiß setzt die Treibjagd mit4.Lg4+ Kd5 5.Dd1+ fort. 5...Ke4. 5...Kc4 würde an 6.Db3+ Kd3 7.Lf6+ Ke4 8.Te7+ scheitern.

Die Mattführung hatte der GM wohl nicht bis ins Detail ausgerechnet, doch wusste er einfach, dass er den schwarzen König im offenen Feld zur Strecke bringt. Und er hat richtig kalkuliert: 6.Te7+ bringt die endgültige Entscheidung: 6...Kf4 7.Txe3 Lxg4 (7...Kxe3 8.Dd4#) 8.Dd4+ Kg5 9.Dg7+ Kh5 10.Dxh7+ Kg5 11.Te5+ Tf5 12.Ld2+ Sf4 (oder 12...Kf6 13.De7+ Kg6 14.Te6+ Kh5 15. Dh7#) 13.h4+ Kf6 14.Te7 Se6 15.Lc3+ Te5 16.Tf7#.

Ein tolles doppeltes Turmopfer, bei dem man das Gefühl hat, dass die Treibjagd auf den schwarzen König praktisch automatisch abläuft.

Bei dem Fünfzüger aus eigener Werkstatt in Aufgabe Nr. 190 b (W: Kd4, Lg1, Sc3, Sc4, Bd5 [5], S: Ka1, Ba2, d6, e3 [4]) zeigt die Stellungsanalyse, dass der schwarze König zugunfähig ist. Lediglich der schwarze e-Bauer kann ziehen und droht, sich in zwei Zügen umzuwandeln. Noch dazu befindet sich dieser Bauer in der Rolle eines "Schwarzen Siegfried", einer Figur, die wegen Patts unantastbar ist. Als weitere Stellungsbesonderheit fällt der abseits stehende Läufer auf. Sinnvoll erscheint, diesen auf die Diagonale a1/h8 zu bringen.

Hierfür müssen zunächst die beiden Hindernisse, schwarzer Bauer und weißer König, überwunden werden. Nachdem 1.Lxe3? wegen Patts ausscheidet, ist also zuerst an die Räumung des Feldes d4 zu denken. Hierfür kommen nur die beiden Ausweichfelder d3 und e4 infrage. Bei ersterem wandelt sich der schwarze Bauer in zwei Zügen mit Schachgebot in einen Springer um, während er sich im zweiten Fall mit Schachgebot in eine Dame umwandelt. Kommt also keiner der beiden Feldräumungszüge als Schlüsselzug infrage? Doch! Es löst der Auswahlschlüssel 1.Ke4!. Nach dem erzwungenen 1...e2 baut Weiß mit2.Ld4 eine Springer/Läufer-Batterie auf der Diagonale a1/h8 auf. Die Umwandlung 2...e1D+ beantwortet Weiß mit Batterienutzung, dem Kreuzschach 3.Se2+. Nach 3...Dc3 ist Schwarz gegen 4.Lxc3+ Kb1 5.Sa3#mit Mustermatt machtlos.

Motto: Kampf gegen die Bauernumwandlung!