Vassily Ivanchuk

Jubilar

März wird ein außergewöhnlicher Schachspieler 50 Jahre alt und damit zum Senior: Großmeister Vassily Ivanchuk. Er wurde als einziges Kind eines Juristen und einer Physiklehrerin in der Kleinstadt Kopytschynzi im Westen der Ukrainischen Volksrepublik geboren. Mit sechs Jahren erlernte Ivanchuk das Schachspiel, das ihn sofort gefangen nahm. Schon bald erkannten seine Eltern dessen enormes Talent und förderten es. Mit zehn Jahren besuchte er mit seinem Vater den örtlichen Schachklub und besiegte gleich mehrmals den regionalen Meister. Unter die Fittiche guter Schachlehrer genommen wurde Ivanchuk mit zwölf Jahren Meisterkandidat, mit 19 Jahren Internationaler Meister und mit 20 Jahren Großmeister.

Wie fast alle Großmeister verfügt Ivanchuk über ein phänomenales Gedächtnis und ist in der Lage, eine Unmenge von Schachpartien abzurufen. Von höchstem Nutzen ist auch seine Fähigkeit, Varianten sehr tief und sehr lange exakt zu berechnen. Zu den natürlichen Anlagen kommt sein enormer Trainingsfleiß hinzu, worauf sein unglaublich tiefes und breites Eröffnungsrepertoire zurückzuführen ist.

Schon in jungen Jahren war er erfolgreich. 16-jährig gewann er die sowjetische Juniorenmeisterschaft und wurde Dritter bei der ukrainischen Meisterschaft. 19-jährig wurde er Juniorenvize-WM. Er gewann zahllose hochkarätige internationale Turniere und war Anfang der 1990er Jahre zusammen mit den Weltmeistern Anatoli Karpov und Garri Kasparov einer der besten und erfolgreichsten Spieler der Welt. Mit Platz 2 erreichte er im Juli 1991 und 1992 seine beste Platzierung in der Weltrangliste.

Aus seinen großartigen Erfolgen ragen heraus: Sein dreimaliger Sieg beim "Wimbledon des Schachs", dem Superturnier von Linares, der Vizeweltmeistertitel 2002, der Gewinn der Europameisterschaft 2004 und der Blitzschach-Weltmeisterschaft 2007. Seinen jüngsten Coup landete er 47-jährig mit dem Gewinn der Schnellschach-Weltmeisterschaft 2016 vor Grischtschuk und Weltmeister Carlsen. Seine beste Elo-Zahl stand im Oktober 2007 mit 2787 zu Buche.

Zur Partie: Seit geraumer Zeit lässt die Internet-Plattform "Chessarena" Schachprogramme gegeneinander antreten. Nachdem seit langem die besten Schachprogramme an diesem "Thoresen Chess Engines Competition (TCES) teilnehmen, besitzt er heute bereits den Status einer inoffiziellen Schachprogramm-Weltmeisterschaft.

Unter den besten Engines hatten sich unlängst die Programme "Stockfish 190203" und "LCZero v.20.2-32930", beide mit über 3300 Elo bewertet, für das Finale qualifiziert. In einem Wettkampf über 100 Partien gewann Stockfish knapp mit 10-9. Hier die 85. und entscheidende Partie mit einer außergewöhnlichen Figurenkonstellation, die noch dazu äußerst spektakulär verläuft.

Weiß: LCZero v.20.2-32930

Schwarz: Stockfish 190203

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.f3 0-0 6.Le3 e5 7.d5 Sh5 8.Dd2 Dh4+ 9.g3 Sxg3 10.Df2 Sxf1!? 11.Dxh4 Sxe3 12.Ke2 Sxc4 13.De1 f5 14.h4 fxe4 15.Sxe4 c6 16.Dd1 Ld7 17.Kf2 Lf5 18.Sg3 Sxb2 19.Db3 Sd3+ 20.Kg2 Sc5 21.Dd1 Ld7 22.h5 Sba6 23.Tc1 Tf6 24.S1e2 Taf8 25.h6 Lh8 26.Tf1 g5 27.Kg1 Txh6 28.Se4 Tf7 29.S2c3 Tg6 30.dxc6 Lxc6 31.Tc2 Lg7 32.Td2 Lf8 33.Sxd6 Tf4 34.Se2 La4 35.De1 Lxd6 36.Sxf4 gxf4+ 37.Kh1 Lc7 38.Th2 Sd7 39.Tg1 Lc6 40.Txg6+ hxg6 41.Dh4 Lxf3+ 42.Kg1 Lb6+ 43.Kf1 Lh5 44.De7 Sac5 45.Tf2 Sf8 46.Dxe5 Sfe6 47.a4 Lc7 48.Dd5 Lg4 49.Tc2 Lh3+ 50.Ke2 b6 51.Da8+ Kf7 52.Dxa7 Kf6 53.a5 Lf5 54.Txc5 bxc5 55.Da8 Lg4+ 56.Kf1 f3 57.Dh8+ Kg5 58.a6 Lg3 59.a7 Lf5 60.Dh1 Ld3+ 61.Kg1 Sd4 62.Dh2 Lxh2+ 63.Kf2 Kf4 64.Ke1 0-1

Tagesnotizen: Die Partie zu Taktikaufgabe Nr. 193 a wurde beim Großmeisterturnier Budapest 1934 gespielt. Paulino Frydman, Neffe des legendären Szymon Winawer, war einer der stärksten polnischen Spieler und vertrat sein Land einige Male bei Schacholympiaden. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, Frydman vertrat gerade sein Land bei der Schacholympiade 1939 in Buenos Aires, blieb er in Argentinien und spielte fortan für dieses Land. Zur Partie: Kaum zu glauben, dass dieser Partiestellung, in der beide Parteien gerade die Eröffnungsphase beendet haben, ein entscheidender taktischer Schlag innewohnt. Welcher, das ist hier die Frage.

Mit dem Sechszüger in Aufgabe Nr. 193 b legt uns der Internationale Meister für Schachkompositionen Dr. Baldur Kozdon ein weiteres Exemplar einer Miniatur mit schwarzer Dame vor. Zwar erscheint diese in ihrem Aktionsradius eingeschränkt, doch wie ist dem schwarzen König in maximal sechs Zügen beizukommen? Jedenfalls ist diese Aufgabe ein Beispiel dafür, dass Mehrzüger nicht unbedingt schwieriger zu lösen sein müssen als so manche Dreizüger.

Lösungen: Bei Taktikaufgabe Nr. 192 a (W: Kf1, Tc8, Lf2, Se1, Bc5, d3, d4, e7 [8], S: Kd5, Da6, Ta5, Tb6, Lf8, Sa4, Ba7, b4, b5, b7, d7, g7 [12]) hatte der Autor Hans Klüver die Forderung aufgestellt, dass Weiß am Zug die Dame gewinnen soll.

Wer meinte, dass dies mit 1.Sc2? ja ganz einfach sei, da Schwarz das Springerschach 2.S(x)b4+ nebst Damengewinn nicht parieren kann, hatte es sich zu leicht gemacht. Gerade darauf sollte der Löser hereinfallen. Gegen die Damengewinndrohung wehrt sich Schwarz mit dem fiesen 1...Te6!. Das verhindert zwar nicht das Springerschach 2.Sxb4+, doch kommt der Weiße nicht mehr dazu, die Dame zu schlagen, weil er den schwarzen König matt gesetzt hat.

Richtig ist nur 1.e8S!, mit dem Weiß ebenfalls Damengewinn durch 2.Sc7+ Kc6 3.Sxa6 droht. Nun rettet das Selbstmattmanöver 1...Te6 nicht vor Damenverlust, und Schwarz kann bei 1...Tc6 (oder auch 1...Ld6) das Matt nach 2.Sc2, 3.Sxb4 nebst 4.Sxa6, bzw. nach 2...Db6 3.cxb6 nicht mehr verhindern, womit die Forderung "Weiß zieht und gewinnt die Dame" erfüllt wäre. Ein interessantes Faschingsstück, über das man leicht stolpern kann!

Der heißen Phase des Faschings geschuldet war mit Aufgabe Nr. 192 b (W: Kc6, Dh5, Sb7, Be2, f4, f5 [6], S: Ke4, Dd8, Lh1, Bc7, d6, f7, h6 [7]) kein gewöhnlicher Zweizüger von T. R. Dawson zum Lösen angeboten. Er stand unter der Bedingung, dass Weiß und Schwarz nur Schach bieten dürfen, wenn sie damit gleichzeitig matt setzen. Schachgebote, die nicht matt setzen, sind also nicht erlaubt. Ohne diese Bedingung würde der schwarze König über die Fluchtfelder d4, e3, und f4 verfügen. Doch darf er nun nicht auf eines dieser Felder fliehen, da er damit die Diagonale a8/h1 öffnen und ein nicht matt setzendes Läuferschach auslösen würde. Diese Überlegung führt zu dem Räumungsschlüssel 1.f6!, mit dem Weiß 2.Df5# droht. Weiß droht tatsächlich matt, obwohl die Dame nicht gedeckt ist. Der schwarze König darf sie nicht schlagen, wäre doch damit ein nicht matt setzendes Abzugsschach verbunden. Wie kann Schwarz die "Mattdrohung" abwehren?

a) 1...d5. Schwarz unterbricht die Läuferdiagonale, so dass der schwarze König die Dame schlagen könnte. Allerdings gibt der Bauer Feld e5 für 2.De5# frei.

b) 1...Dc8. Die Dame deckt Mattfeld f5, "fesselt" jedoch den eigenen c-Bauer und ermöglicht Weiß 2.Sxd6#. Auch diesmal darf Schwarz den Springer nicht schlagen oder den König ziehen, da dies zu nicht matt setzenden Schachgeboten führen würde.

c) 1...Dxf6. Auch damit deckt die Dame das Mattfeld f5, "fesselt" jedoch diesmal den eigenen d-Bauer. Weiß setzt nun mit 2.Sc5# matt. Weder darf der d-Bauer den Springer schlagen, noch der schwarze König ziehen. Beides würde ein nicht matt setzendes Schachgebot auslösen, was ja nicht gestattet ist. Ein toll komponiertes, humoristisches Stück, dem doch eine frappierende Logik innewohnt!